Babys, jun­ge Frau­en und Bier: Die neue Rech­te prä­sen­tiert sich im Netz und auf Insta­gram anders als erwar­tet. Ein Selbstexperiment.

Bre­zeln und Weiß­bier, ver­dreh­te Fak­ten und Hit­ler-Memes – das wür­de man vom Insta­gram-Feed eines moder­nen Neo­na­zis erwar­ten. Doch der Schein trügt. Babys, jun­ge Frau­en und Land­schafts­bil­der sol­len rechts­ex­tre­men Nach­wuchs rekru­tie­ren und sind dabei die erfolg­reichs­te Form der Wahl­wer­bung. Ein Selbstexperiment.

von Simon Rös­ler und Tobi­as Donald Westphal

Die Rech­ten erobern das Netz und las­sen ihren Ideo­lo­gien auf Insta­gram frei­en Lauf. Das sagt zumin­dest eine Stu­die des Esse­ner Recher­che­zen­trums CORRECTIV. Über Tau­send Kon­ten haben die Kolleg*innen unter­sucht. Sie sind über Mona­te hin­weg in die rech­te Sze­ne ein­ge­taucht und haben die­se in all ihren Facet­ten erlebt. Die Ergeb­nis­se ihrer Recher­chen sind schockierend.

Auf den ers­ten Blick stim­men die Bild­in­hal­te rechts­ori­en­tier­ter Accounts nicht mit dem kon­ven­tio­nel­len Gedan­ken­gut patrio­tisch den­ken­der Parteifunktionär*innen über­ein. Doch dem ist nicht so. Vor­wie­gend Kenn­zei­chen neo­na­zis­ti­scher Bewe­gun­gen tre­ten bei ihren Bil­dern geschickt in den Hin­ter­grund und fal­len auf den ers­ten Blick oft gar nicht auf. Nur wer gezielt sucht oder Teil der Sze­ne ist, erkennt Bezü­ge zur natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie und damit Gleich­ge­sinn­te. Emo­jis, Abkür­zun­gen und Sym­bo­le die­nen als Erken­nungs­merk­mal in der Sze­ne. Das kön­nen schwarz-weiß-rote Farb­fol­gen sein, die der Flag­ge des deut­schen Reichs nach­emp­fun­den sind, das Kür­zel .nds (für Neu­er Deut­scher Stan­dard), aber auch Emo­jis von Bre­zeln und Weißbier-Krügen.

Zusammen, was nicht zusammengehört

Die Follower*innenschaft sol­cher Pro­pa­gan­da-Kon­ten könn­te im Detail unter­schied­li­cher nicht sein: Das brei­te Spek­trum des rechts-kon­ser­va­ti­ven und hei­mat­ver­bun­de­nen Den­kens reicht von AfD-Anhänger*innen und Aktivist*innen der Jun­gen Alter­na­ti­ve bis hin zu Ange­hö­ri­gen offen rechts­ex­tre­mer Ver­ei­ni­gun­gen wie der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung und ande­ren patrio­ti­schen Sub­kul­tu­ren. Doch genau auf bestimm­ten, über­wie­gend kom­mer­zi­el­len, Accounts lau­fen bemer­kens­wer­ter­wei­se alle Fäden zusammen.

Es sind Mer­chan­di­sing-Shops, rech­te Rap­per und Kampf­sport­ver­an­stal­tun­gen: Auf die­sen und wei­te­ren Pro­fi­len mischen sich die gemä­ßig­ten, kon­ser­va­ti­ven Patriot*innen – oft Parlamentarier*innen der AfD-Frak­tio­nen – und stark extre­mis­tisch gepräg­te Rech­te sowie Neo­na­zis. Dabei baut sich eine schon nahe­zu fana­ti­sche Nähe zu die­sen Kno­ten­punk­ten auf. Rechts­ex­tre­me, Patriot*innen und stark Kon­ser­va­ti­ve posie­ren mit T‑Shirts bestimm­ter Mar­ken, iden­ti­fi­zie­ren sich mit Hil­fe die­ser unter­ein­an­der und kur­beln so die Mone­ta­ri­sie­rung rech­ter Kam­pa­gnen an.

Obwohl die Par­tei den Unver­ein­bar­keits­be­schluss nach eige­nen Aus­sa­gen sehr ernst nimmt, tref­fen hoch­ran­gi­ge Akteur*innen der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung mit Spitzenpolitiker*innen der AfD nicht nur in den Fol­lower-Lis­ten die­ser Ver­bin­dungs­kno­ten auf­ein­an­der. Auch im ech­ten Leben sind sich Mit­glie­der bei­der Orga­ni­sa­tio­nen bekannt. So ist etwa dem Baye­ri­schen Ver­fas­sungs­schutz bekannt, dass der Lan­des­vor­sit­zen­de der AfD in Bay­ern Befür­wor­ter der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung ist. Sie sei eine tol­le Orga­ni­sa­ti­on, intel­li­gent und habe Respekt ver­dient, äußer­te sich Petr Bystron nach Anga­ben der Zeit. Die AfD sol­le ein Schutz­schild für die Iden­ti­tä­re Bewe­gung sein, for­der­te er wei­ter. In nen­nens­wer­tem Umfang dage­gen vor­ge­gan­gen ist die Par­tei bis heu­te nicht. Zwar hat der AfD-Bun­des­vor­stand ihn in Fol­ge media­len Drucks abge­mahnt. Noch im glei­chen Jahr kan­di­dier­te er aber für die Bun­des­tags­wahl 2017 ohne unmit­tel­ba­re Folgen.

Kinder, Küche, Konservativ

Eine beson­de­re Rol­le in der Sze­ne neh­men auch Frau­en ein. In aus­ge­präg­ten Geschlech­ter­rol­len posie­ren sie in der Natur oder am Küchen­tisch und über­mit­teln so den Ein­druck einer fried­fer­ti­gen, natur­ver­bun­de­nen und tra­di­tio­nel­len Grund­ein­stel­lung. „Die Frau­en wer­den als Aus­hän­ge­schild benutzt“, erklärt eine Aus­stei­ge­rin den Kolleg*innen von CORRECTIV. Jun­ge Influ­en­ce­rin­nen sei­en für das Image vor­ge­stellt. Die eigent­li­chen Inhal­te lie­fen dann über pri­va­te Kon­ten und Sto­rys, die nur für “Enge Freun­de” sicht­bar sind. Längst ist den Ver­ant­wort­li­chen auf­ge­fal­len, dass Life­style-Inhal­te bes­ser kli­cken als har­te Fak­ten. Men­schen fol­gen lie­ber star­ken Per­sön­lich­kei­ten als Unter­neh­men. Des­we­gen wer­den auch die Frau­en gezielt zur Illus­tra­ti­on alt-kon­ser­va­ti­ver Men­ta­li­tä­ten instru­men­ta­li­siert. Poli­ti­scher Akti­vis­mus wird zum Life­style gemacht. Wie das geht, ler­nen Influ­en­ce­rin­nen und sol­che, die es wer­den wol­len, in ver­schie­de­nen Workshops.

Auf den ers­ten Blick schei­nen die­se Kon­ten recht belang­los. Erst bei genau­er Beob­ach­tung erkennt man, dass sie alle wich­ti­ge Bestand­tei­le eines funk­tio­nie­ren­den, sich stän­dig wei­ter­ent­wi­ckeln­den rechts­ex­tre­men Netz­werks sind.
Das Akqui­rie­ren neu­er Mit­glie­der steht dabei an vor­ders­ter Stel­le. Gegen­über CORRECTIV bestä­tigt ein Vor­stands­mit­glied der Jun­gen Alter­na­ti­ve Ber­lin, der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der AfD, dass der Lan­des­ver­band mitt­ler­wei­le die Hälf­te sei­ner Neu­zu­gän­ge, vor allem jun­ge Men­schen, über Insta­gram gewin­ne. Unter­schrei­ben woll­te uns das die Alter­na­ti­ve für Deutsch­land auf Anfra­ge nicht, glei­ches gilt für die Neu­zu­gän­ge beim eige­nen Bun­des­ver­band. “Kein Kom­men­tar”, teil­te uns die Par­tei schrift­lich mit. Tele­fo­nisch erklär­te uns ein Pres­se­spre­cher: “Wir miss­trau­en Cor­rec­tiv.” Die Aus­sa­gen rich­tig­stel­len woll­te man aber nicht, wie­der hieß es “Kein Kommentar”.

Und jetzt wir

Auch wir haben den Selbst­ver­such gestar­tet und sind mit einem Fake-Account eine Woche lang in die rech­te Sze­ne ein­ge­taucht mit dem Ziel, mög­lichst vie­le Kon­tak­te zu knüp­fen und einen Ein­druck dar­über zu bekom­men, wie die unbe­wuss­te Rekru­tie­rung rech­ter Par­tei­en über sozia­le Medi­en funk­tio­niert. 200 Kon­ten und zwan­zig Hash­tags sind wir dafür gefolgt, haben auf Sto­rys reagiert und rech­te Pro­pa­gan­da wei­ter geteilt. Bis dato fol­gen uns knapp 50 Kon­ten, mit 29 haben wir geschrieben.

Das ers­te, was auf­fällt: Auf der Stel­le ver­än­dern sich die Inhal­te unse­rer Ent­de­cken-Sei­te. Nach nur weni­gen Stun­den fin­den sich dort nur noch Bei­trä­ge wie­der, die mit kon­ser­va­ti­vem oder rechts­ra­di­ka­lem Gedan­ken­gut unter­füt­tert sind. Medienwissenschaftler*innen bezeich­nen die­sen Effekt als Fil­ter­bla­se. Die Algo­rith­men sozia­ler Netz­wer­ke nei­gen oft dazu, nur Inhal­te zu zei­gen, die der ursprüng­li­chen Auf­fas­sung der Nutzer*innen ent­spre­chen, um die­se an ihre Diens­te zu bin­den. Das Pro­blem dabei: Internetnutzer*innen wer­den immer in ihren Ansich­ten bestä­tigt. Ande­re Mei­nun­gen blen­det der Algo­rith­mus gezielt aus und schränkt so den poli­ti­schen Dis­kurs ein.

Ein ganzes Netz ohne Anstand und Gesetz 

Nicht mal einen Tag hat es gedau­ert, bis uns die ers­te Sei­te anschrieb, ob man sie nicht unter­stüt­zen kön­ne. Wir wer­den auf­ge­for­dert, Wer­bung für die Sei­te in unse­rem Umfeld zu machen, wer­den in ande­re Medi­en ein­ge­la­den. Auf Tele­gram und Whats­App tau­sche sich die Com­mu­ni­ty bereits inten­siv aus, wei­te­re Kanä­le befän­den sich bereits im Auf­bau. “Es gibt uns auf den gro­ßen Sei­ten – Ins­ta, Face­book, Whats­App, Twit­ter, Tele­gram, You­tube und Tik­tok. Wenn du möch­test, kannst du auf einer oder meh­re­ren Sei­ten bei uns Mit­glied wer­den”, bewirbt einer der Sei­ten-Admi­nis­tra­to­ren sein Ange­bot per Sprach­nach­richt. Rai­ner (Name geän­dert*) heißt er, wie wir spä­ter erfah­ren. Wei­ter erklärt er: “Whats­App ist zum Bei­spiel sehr zu emp­feh­len. Bei Whats­App ist es jetzt so, dass da auch viel pri­vat geschrie­ben wird, aber natür­lich auch Poli­tik im Mit­tel­punkt steht. Da kann man sich gut mit ande­ren Patrio­ten vernetzen.” 

Schnell wird uns klar, dass mehr dahin­ter steckt als nur ein Anhän­ger, der sein Dafür­hal­ten zum Aus­druck bringt. Ein Insi­der erklärt uns nach kur­zer Zeit: “Es sind nicht nur mei­ne Ideen. Ich habe ein wirk­lich tol­les Vor­stands­team, dass mir auch in wirk­lich schwie­ri­gen Situa­tio­nen den Rücken gestärkt hat.” Die Sze­ne ist ver­netzt, leis­tet orga­ni­sier­te Über­zeu­gungs­ar­beit. Sie inten­diert, über immer mehr Medi­en wei­te­re Men­schen auf ihre Sei­te zu zie­hen. “You­tube kommt. Das Kon­zept für You­Tube ist, dass es da einen Pod­cast geben wird für Patrio­ten. Dass es da auch die Mög­lich­kei­ten geben wird für Opfer der schreck­li­chen Flücht­lings­po­li­tik ihre Geschich­te zu erzählen.”

“Wir schaffen das” kostet

Wir gehen auf Rai­ners Ange­bot ein, betre­ten mit einer neu­en Tele­fon­num­mer die Whats­App-Grup­pe. Zunächst lädt er uns in eine soge­nann­te Vor­grup­pe ein. Wir sol­len uns vor­stel­len, wer­den zu unse­rer Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit sowie unse­ren Ansich­ten über Coro­na befragt. Schluss­end­lich stim­men die Administrator*innen ab, ob wir in die eigent­li­che Grup­pe dür­fen. Unse­rem Antrag wird stattgegeben.

So befin­den wir uns plötz­lich inmit­ten einer kon­tro­ver­sen Dis­kus­si­on über deut­sche Namen. Ein Mit­glied der Grup­pe mit einem tür­kisch schei­nen­den Namen fühlt sich dis­kri­mi­niert. Drei ande­re het­zen gegen ihn, bis sich eine Debat­te über die Defi­ni­ti­on von Hei­mat ent­wi­ckelt. Wir sind geschockt, schau­en erst­mal nur pas­siv zu.

Chatnachricht "Wir wissen noch nicht, ob [Name entfernt] türkisch ist oder Eltern hat, die ein Faible für türkische Namen haben - sorry, [Name entfernt]"

In der Grup­pe herr­schen strik­te Regeln. Offi­zi­ell wer­den kei­ne Hit­ler-Bil­der und kei­ne Dro­gen tole­riert. Ein dun­kel­häu­ti­ges Mit­glied sei geflo­gen, weil es sich nicht dar­an gehal­ten habe. Bis heu­te machen sich vie­le dar­über lus­tig. Außer­dem gilt: Wer “Wir schaf­fen das” schreibt, muss einen Euro in die Grup­pen­kas­se einzahlen.

Am Ende des Streits hat keine*r Recht

Spä­ter am Abend sen­det eine Nut­ze­rin den Link zu einem Video des AfD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Gott­fried Curio, der über die deut­sche Jus­tiz spricht. Er kri­ti­siert Schuld­sprü­che, die in sei­nen Augen “Skan­dal­ur­tei­le” dar­stel­len. Die Reak­tio­nen auf jenes Video wir­ken ver­stö­rend, ein Grup­pen­mit­glied schreibt: “Wisst ihr, was jene Schlam­pe von Rich­te­rin gesagt hat? Dass ein här­te­res Urteil den Mann auch nicht leben­dig macht. Könnt ihr euch eine schlim­me­re Ver­höh­nung des Opfers vor­stel­len? Kei­ne Gefüh­le, kei­ne Skru­pel, kei­ne mensch­li­che Sei­te! Teufelin.”

Für wei­te­res Auf­se­hen sorgt ein Meme über Asylant*innen in Deutsch­land. Es bestä­tigt sich, wor­auf wir schon gewar­tet hat­ten. Der ers­te User schießt ver­bal gegen Flücht­lin­ge: “Das abso­lut Letz­te! Wenn Men­schen von ande­ren bezahl­te und auf­ge­bau­te Flücht­lings­hei­me mut­wil­lig nie­der­bren­nen, um ein bes­se­res zu for­dern, gehört ihnen nicht gehol­fen.” Er for­dert, dass die­se “Mist­schwei­ne” in ein Segel­boot gesteckt wer­den – und dort­hin zurück­fah­ren sol­len, wo sie her­kom­men. Die wohl befremd­lichs­te Dis­kus­si­on, die wir bis­her mit­er­lebt haben.

Chatnachricht "Ach die Griechen, die können lecker essen machen, das war's dann auch."

Hier ist Rainer mit der Tagesschau 

Jeden Abend ver­liest Rai­ner “die Nach­rich­ten”. Per Sprach­nach­richt müs­sen sich alle anhö­ren, was in der Welt pas­siert ist. Ver­le­sen wer­den nicht etwa Arti­kel renom­mier­ter Tages­zei­tun­gen wie dem Tages­spie­gel, der WELT und dem Spie­gel. Statt­des­sen han­delt es sich aus­schließ­lich um Berich­te uns unbe­kann­ten, nicht sehr ver­läss­lich anmu­ten­den Ursprungs. Die The­sen sind alle­samt sehr gewagt. Sie haben gemein, dass sie die patrio­ti­sche Ideo­lo­gie in irgend­ei­ner Wei­se bestä­ti­gen. Inter­es­sie­ren tun sich die ande­ren dafür aber wenig, reden nach Lust und Lau­ne wei­ter, statt auf Rai­ners Audi­os zu reagie­ren. Die­ser wird wütend und mahnt die ande­ren, erst den Nach­rich­ten zu Ende zuzuhören.

Wir hät­ten nie gedacht, dass es so schnell gehen kann und wir noch an die­sem Tag den ers­ten Durch­bruch lan­den soll­ten. Will­kür­lich gewählt gaben wir uns als Jan Kuh­ne aus. Das Glück soll­te mit uns sein. Ein ande­rer Nut­zer trägt näm­lich tat­säch­lich die­sen Vor­na­men und baut mit uns im Pri­vat­chat ein Gespräch auf. “Bist du AfD oder NS?”, will er wis­sen. Offi­zi­ell ist Gedan­ken­gut Hit­lers nach den Grup­pen­re­geln unter­sagt. Wir sind noch unent­schlos­sen, wel­che Par­tei die rich­ti­ge ist, ant­wor­ten wir ihm. Dann geht es erst rich­tig los: Er möch­te wis­sen, ob wir ein Ari­er sind. Er habe blaue Augen und blon­de Haa­re und ist sicht­lich stolz dar­auf: “Gibt nur noch weni­ge von uns. Ich will auch spä­ter mit einer ari­schen Frau min­des­tens vier Kin­der. Gegen den Volkstod.”

Chat-Konversation "Bist du AfD oder ns?" - "Bin noch unentschlossen" - Bist du denn ein Arier? Blau, weiß, rot, bis in den Tod" - "Na klar" - "Stabil, ich auch. Hab auch blonde Haare und blaue Augen. Gibt nur noch wenige von uns. Ich will auch später mit einer Arischen Frau mindestens vier Kinder. Gegen den Volkstod."

Geht es um poli­ti­sche Gegner*innen, zeigt die Grup­pe gar kei­nen Anstand. Es wird gern und radi­kal geschos­sen. Das mer­ken wir sofort. So heißt es über die Grü­nen und Anhänger*innen der Fri­days for Future-Bewe­gung, sie sei­en ver­blö­det und wüss­ten nicht, wie Fort­pflan­zung funk­tio­niert. “Ich bin ja am Nach­den­ken, ob man nicht für sol­che Leu­te über ein Ver­bot des Kin­der­krie­gen nach­den­ken soll­te.” Es ist schon spät und wir haben genug gese­hen. Wir schal­ten unser Tele­fon ab und ver­su­chen zu ver­ar­bei­ten, was pas­siert ist.

“Das ist halt viel Propaganda”

Am nächs­ten Tag kom­men wir mit Rai­ner, dem Haupt­ad­mi­nis­tra­tor der Grup­pe, tie­fer ins Gespräch. Er war es, der die Grup­pe gegrün­det hat und uns auch ein­ge­la­den hat. Er sagt, er sehe sich als eine Art poli­ti­schen Influ­en­cer, pla­ne nächs­tes Jahr in die AfD ein­zu­tre­ten. Wir schrei­ben noch etwas. Dann gibt er zu: “Das ist halt eben viel Pro­pa­gan­da, was du da machen musst. Also jeden, der die Sei­te likt, schrei­be ich an. Man freut sich dann immer, wenn das mal funk­tio­niert.” Das sind um die zwan­zig Nutzer*innen am Tag. So ist er auch bei uns vor­ge­gan­gen. Jetzt sind wir in die­ser Gruppe.

Nicht immer macht die Arbeit Spaß, erzählt Rai­ner wei­ter. “Mir war klar, dass ich Stress mit der Anti­fa bekom­men wür­de und damit konn­te ich auch ganz gut leben. Aber das Meis­te an Stress haben wir mit ande­ren patrio­ti­schen Sei­ten.” Das haben wir schon am Vor­tag gemerkt, als der Abkömm­ling einer vor­he­ri­gen gemein­sa­men Sei­te mit Rai­ner die Whats­App-Grup­pe hackt. Andau­ernd tre­ten neue Per­so­nen der Grup­pe per Ein­la­dungs­link ein. Die­sen ein­fach zurück­zu­set­zen, hilft nicht. Immer und immer wie­der tre­ten neue Per­so­nen der Grup­pe bei und las­sen ihrem Unmut frei­en Lauf. Sie schi­cken Sti­cker, in denen sie Rai­ner mit sei­ner Ver­gan­gen­heit kon­fron­tie­ren. “Was da alles abge­lau­fen ist. Wenn ich dir das erzäh­le, da denkst du, ich hät­te einen an der Klat­sche”, schreibt er uns.

Chatnachricht "Ich hab euch gehackt haha"

Homophob, aber nichts verstanden

Gegen Abend wer­den wir Zeu­gen einer Dis­kus­si­on über Homo­se­xua­li­tät, die wir so vor­her nicht für mög­lich gehal­ten hät­ten – fern­ab von jeg­li­chem Rea­li­täts­be­wusst­sein. Auf die Fra­ge, wel­che Ein­stel­lung die Grup­pe eigent­lich zu homo­se­xu­el­len Paa­ren habe, kom­men die ver­stö­rends­ten Ant­wor­ten. “Es ist unna­tür­lich! Es heißt Adam und Eva. Und nicht Hans und Peter!”, schreibt eine Nut­ze­rin. “Es ist gegen die Evo­lu­ti­on”, eine ande­re. Auch Rai­ner, mit dem wir kurz vor­her noch ein sach­li­ches, fast schon freund­li­ches Gespräch führ­ten, sagt wört­lich: “Ich fin­de Homo­se­xua­li­tät unnor­mal und könn­te mir auch nicht vor­stel­len, mit solch einer Per­son Kon­takt zu haben.”

Dann kommt der Kra­cher: “Das eigent­li­che Pro­blem ist die Ver­schwu­lung der Gesell­schaft. Wir haben eine Früh­se­xua­li­sie­rung der Kin­der, das ist ein­fach nicht in Ord­nung!”, schreibt ein wei­te­rer Nut­zer. “Denn sowas ist heut­zu­ta­ge Trend, sich einer Gen­der-Com­mu­ni­ty anzu­hän­gen.” Die Ansich­ten der Grup­pe gehen aus­ein­an­der. Man­chen ist egal, “was die im Bett trei­ben”. Was sie aber stö­re, ist die LGBT-Bewe­gung. Ande­re haben das The­ma nicht ein­mal im Ansatz ver­stan­den: “Mein Vater sagt immer, bei den ‘Män­nern’ liegt es an den Eltern. Wo er recht hat: Durch zu star­kes Ver­tät­scheln der Müt­ter kann man schwul wer­den.” Ein Nut­zer schreibt, Tie­re sei­en ja auch nicht schwul. Eine Stu­die zu die­sem The­ma kon­tert er mit: “Es liegt dar­an, dass die Tie­re so gezüch­tet wur­den. […] Schwul­sein ist eine Krankheit!”

Klare Regeln – eigentlich

Eigent­lich hat Insta­grams Mut­ter­kon­zern Face­book auf allen sei­nen Platt­for­men kla­re Richt­li­ni­en. “Insta­gram ist kein Ort, um […] Hass­grup­pen zu unter­stüt­zen”, heißt es etwa in denen von Insta­gram. Zu den unzu­läs­si­gen Inhal­ten zäh­len neben allen For­men von Auf­ru­fen zu Gewalt auf­grund von eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit, natio­na­ler Her­kunft oder reli­giö­ser Zuge­hö­rig­keit auch ver­bo­te­ne Orga­ni­sa­ti­on, daun­ter gewalt­be­rei­te, recht­ex­tre­mis­ti­sche Ver­ei­ni­gun­gen: “Wir ver­bie­ten Per­so­nen und Grup­pen wie die Iden­ti­tä­re Bewe­gung und Defend Euro­pe, die sich an orga­ni­sier­tem Hass und orga­ni­sier­ter Gewalt betei­li­gen und wir ent­fer­nen Inhal­te, die sie unter­stüt­zen oder ver­tre­ten”, erklärt ein Face­book-Spre­cher dazu gegen­über der Herderzeitung.

Such­ergeb­nis­se für zu die­sen Grup­pen zuge­hö­ri­ge Hash­tags wer­den eben­falls aus­ge­blen­det. Der Hash­tag #hei­mat­ver­liebt hin­ge­gen ist wei­ter­hin zuläs­sig, da er nicht in Zusam­men­hang mit ver­bo­te­nen Grup­pen steht. Trotz­dem konn­ten wir vie­le Ver­bin­dun­gen zu rechts­ra­di­ka­len Grup­pen in Bei­trä­gen unter die­sem Hash­tag erken­nen, gegen die Insta­gram nur ver­ein­zelt vorgeht.

Mensch und Maschine

Ver­stö­ße gegen sei­ne Richt­li­ni­en ver­sucht Insta­gram über eine Kom­bi­na­ti­on aus mensch­li­cher Über­prü­fung und Tech­no­lo­gie aus­fin­dig zu machen. Welt­weit besteht Face­books Lösch­team aus 15.000 Mitarbeiter*innen, 350 davon kon­zen­trie­ren sich auf die Ver­fol­gung ter­ro­ris­ti­scher und rechts­ex­tre­mer Inhal­te und sind in Hin­blick auf die Sym­bo­lik und Sprach­ten­den­zen extre­mis­ti­scher Grup­pen extra geschult. Wei­ter­hin arbei­tet Face­book nach eige­nen Anga­ben mit exter­nen Expert*innen zusam­men, um Gewalt und Hass­re­de auf sei­nen Platt­for­men kon­se­quent zu erfas­sen. So wur­den auch von CORRECTIV gemel­de­ten Inhal­te geprüft.

Glei­cher­ma­ßen setzt Face­book auto­no­me Tech­no­lo­gien ein, um extre­mis­ti­sche Inhal­te zu erken­nen. Eine Bil­d­er­ken­nungs­soft­ware soll die Sym­bo­le radi­ka­ler Grup­pie­run­gen erken­nen, dar­un­ter Haken­kreu­ze und das Son­nen­rad. Inhal­te, die ein­mal gelöscht wur­den, wer­den fort­an schon beim Upload blo­ckiert. Das gelingt über einen Hash­wert, eine Art digi­ta­len Fin­ger­ab­druck für Datei­en, den Face­book auch mit ande­ren Inter­net­kon­zer­nen wie Goog­le und Twit­ter teilt.

Ein löchriges System

Obwohl Face­book angibt, im zwei­ten Quar­tal die­ses Jah­res 220.000 Bei­trä­ge im Zusam­men­hang mit orga­ni­sier­ter Gewalt auf­ge­deckt zu haben, fin­det die Sze­ne immer wie­der neue Tricks, um die­se Fil­ter zu umge­hen. Mit unkennt­lich gemach­ten Bil­dern und Hin­wei­sen wie “Die­ses Bild wur­de ver­pi­xelt, weil es gelöscht wer­den könn­te” ver­sucht sie, ihre Fol­lower auf den Mes­sen­ger Tele­gram zu locken, der bekann­ter­ma­ßen sehr nach­läs­sig mit rechts­ra­di­ka­len und kri­mi­nel­len Inhal­ten umgeht. “Wir arbei­ten an der Ver­bes­se­rung unse­rer Tech­no­lo­gien, um die­se Inhal­te noch schnel­ler zu fin­den. Zudem ver­folgt unser Exper­ten­team stän­dig neue Trends”, sagt uns ein Unter­neh­mens­spre­cher von Facebook.

Hohes Potential

Stän­dig ent­wi­ckelt sich die Ver­net­zung stark­kon­ser­va­ti­ver Grup­pen wei­ter. Insta­gram dient dabei als ein zen­tra­ler Ort des Aus­tauschs, des Zusam­men­tref­fens. Das ist kei­ne neue Erschei­nung. Schon lan­ge fokus­sie­ren sich Rechts­ori­en­tier­te auf das Inter­net: “Sozia­le Netz­wer­ke die­nen der rechts­ex­tre­mis­ti­schen Sze­ne als Akti­ons­raum, um mit Gleich­ge­sinn­ten zu kom­mu­ni­zie­ren, sich zu ver­net­zen sowie Pro­pa­gan­da zu ver­brei­ten”, ist auch dem Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz bekannt.

Doch nicht nur bestehen­de Rech­te tau­schen sich auf Insta­gram aus. Auch um neue Unterstützer*innen wirbt die Sze­ne aktiv auf Insta­gram. Gera­de sozia­le Medi­en haben für rech­te Orga­ni­sa­tio­nen bei der Rekru­tie­rung von jun­gen Wähler*innen einen hohen Stel­len­wert. Die Inhal­te, vor allem Bil­der, sind oft direkt an jun­ge Nutzer*innen adres­siert oder die­se wer­den aktiv per Direkt­nach­richt kon­tak­tiert, wie es auch bei uns der Fall war. Vor allem Erstwähler*innen kom­men so das ers­te Mal mit rechts­ex­tre­mis­ti­schen Inhal­ten in Berüh­rung und wer­den okka­sio­nell selbst zu über­zeug­ten Patriot*innen.

Gera­de auf Platt­for­men mit audio­vi­su­el­lem Fokus sei die Infor­ma­ti­ons­dich­te beson­ders hoch, sodass es für Plattformbetreiber*innen schwie­rig ist, uner­laub­te Inhal­te zu löschen, erklärt uns das Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz. “Bei popu­lä­ren Inter­net­platt­for­men, auf denen über­pro­por­tio­nal vie­le jun­ge Men­schen aktiv sind, besteht die Gefahr, dass Jugend­li­che mit rechts­ex­tre­mis­ti­schem Gedan­ken­gut in Berüh­rung kom­men könn­ten”, warnt ein Pres­se­spre­cher. “Sozia­le Medi­en haben grund­sätz­lich das Poten­zi­al, Jugend­li­che auf dem Weg zu einer Radi­ka­li­sie­rung zu beein­flus­sen.” Des­sen sind sich auch die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen bewusst. Infor­ma­tio­nen des Ver­fas­sungs­schut­zes zufol­ge hat haben sowohl die Zahl als auch die Reich­wei­te rechts­ex­tre­mis­ti­scher Inhal­te stark zugenommen.

Es lebe die Demokratie

In der letz­ten Woche haben wir erlebt, was es heißt, rechts­ex­trem, stark­kon­ser­va­tiv und natio­na­lis­tisch zu sein. Wir haben Mei­nun­gen gehört, wir haben Bei­trä­ge gese­hen und Nach­rich­ten gele­sen, die für uns als jun­ge Euro­pä­er zutiefst spal­tend, befremd­lich und teil­wei­se ein­fach nur falsch klin­gen. Die­ser Ein­blick in eine Welt, in der ein Deut­scher mehr wert sein soll als ein Flücht­ling aus Syri­en, in der Homo­se­xua­li­tät, eigent­lich die gesam­te LGBTQIA+*-Bewegung, als Krank­heit ver­stan­den wird, in der auf ein anti­eu­ro­päi­sches Deutsch­land und Abschot­tung gesetzt wird und in der Welt­bil­der des 19. Jahr­hun­derts für rich­tig emp­fun­den wer­den, die­ser Ein­blick hat uns gezeigt, dass es sich lohnt, für das Rich­ti­ge einzustehen.

An jeder Stel­le und mit zuneh­men­der Rele­vanz auch im Netz muss man Hass und Het­ze, men­schen­ver­ach­ten­den und anti­de­mo­kra­ti­schen Anschau­un­gen ent­schie­den mit aller Här­te ent­ge­gen­tre­ten. Demo­kra­tie ist nicht bedin­gungs­los, man muss für sie ein­ste­hen. Wenn rechts­ex­tre­me Grup­pen sich auf Insta­gram aus­brei­ten, natio­na­lis­ti­sche Ansich­ten ver­brei­ten und die Axt an die Wur­zel der Grund­rech­te anle­gen, dann muss man sich dage­gen stem­men – für das, was eini­ge als selbst­ver­ständ­lich ansehen. 

Wir möch­ten mit die­sem Arti­kel zei­gen, dass Euro­pa, die Euro­päi­sche Uni­on und Deutsch­land in ihrer Rol­le mehr sind als nur stu­pi­de Begrif­fe. Die Wer­te der Euro­päi­schen Uni­on, so beschreibt sie sich selbst, sind Frie­den, Men­schen­wür­de, Frei­heit und eben auch Demo­kra­tie. Eine leben­di­ge Demo­kra­tie ist von unschätz­ba­rem Wert. Die­se soll­ten wir unbe­dingt aufrechterhalten.

*Die erwähn­ten Per­so­nen hei­ßen nicht wirk­lich so. Wir haben uns ent­schie­den, ihre rich­ti­gen Namen nicht zu ver­öf­fent­li­chen, um ihre Per­sön­lich­keits­rech­te zu schüt­zen und nicht über Ein­zel­per­so­nen auf das Pro­blem auf­merk­sam zu machen.

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