Ein Botschafter steht Rede und Antwort auf Fragen, die die Welt beschäftigen.

Unsere Reihe „Aus anderen Blickwinkeln“ werden wir diesmal mit einem Interview mit Neithart Höfer-Wissing fortführen, dem jetzigen Botschafter Deutschlands in Turkmenistan.

Bei „Fridays for Future“ verzichten manche Schüler*innen jeden Freitag auf ihre Bildung, um für die Klimarettung zu demonstrieren. Was halten sie davon?

Pixabay/Gerd Altmann Demonstrant*innen bei „Fridays for Future“

Im Prinzip mag ich solche Aktionen, denn Provokationen gehören zum Leben dazu. Das Anliegen hat durchaus seine Berechtigung: Das sehen wir, es hat sich herumgesprochen. Die Flamme des Engagements ist wichtig, politisches Engagement zu lernen ist wichtig. Es liegt viel und hartnäckige Arbeit vor uns. Altmodische Belehrungen, dass man die Schule nicht schwänzen soll, gehen an der Lebenswirklichkeit vorbei. In unserem Alter haben wir ähnliche Dinge getan, ohne dass es ernsthafte oder gar irgendwelche Konsequenzen hatte. Aber es ist auch wichtig zu wissen, dass es kein Leben ohne Kompromisse gibt. Wie beim Fall der Berliner Mauer bringt jede Veränderung Gewinner und Verlierer und oft sind die Verluste konkret und heute, während die Gewinne abstrakt und morgen sind. Natürlich sollte man das nicht immer tun und schon gar nicht als Ausrede für den Schulabbruch nutzen. Aber ich glaube, dass die Jugendlichen selbst wissen, wo die richtige Balance zwischen dem Lernen und dem Schulschwänzen liegt.

Glauben sie, „Fridays for Future“ hat das Potenzial, politisch etwas zu verändern?

Nur „Fridays for Future“ wird nichts ändern, aber es ist ein wichtiger Stein, um ein neues Bewusstsein zu schaffen und notwendige Veränderungen anzugehen. Unserer heutigen Gesellschaft mangelt es oft an einem gemeinsamen Verständnis. Dabei sind die Fakten unumstritten: Wir verbrauchen mehr Ressourcen, als uns Planet Erde geben kann. Wir machen Raubbau an unseren Lebensgrundlagen. Es muss sich etwas ändern, wir müssen umsteuern. Von diesem Hintergrund sollte man sich nicht entmutigen lassen, wenn man am Anfang steht, wenig Einfluss hat und viel Gegenwind ins Gesicht weht. Wenn man sagt, was jeder sagt, dann ändert sich nichts.

Um beruflichen und persönlichen Erfolg zu erzielen, auf was sollte man unbedingt achten?

Meine Erfahrung ist, dass ich das gut gemacht habe, was ich gerne tat. Natürlich muss man dabei auf andere Rücksicht nehmen. Lauter Krach um Mitternacht, nur weil es einem Spaß macht, bringt nichts für die persönliche Entwicklung und ist kein Beitrag für ein glücklicheres Leben. Bei der beruflichen Ausbildung sollte man das machen, was einen wirklich interessiert. Geld alleine macht nicht glücklich. Nur lernen oder studieren, weil es einem die Eltern sagen, reicht nicht. Ich erinnere mich an eine Praktikantin in einem Ärztehaus. Sie saß krumm und unmotiviert auf ihrem Stuhl und war eher eine Patientin als eine Unterstützung. Zur Berufswahl gehört auch Kompromissbereitschaft. Nicht jeder Traum kann in Erfüllung gehen. Wenn ich sehe, wie viele junge Leute Betriebswirtschaft studieren, nur um einmal als Investmentbanker reich zu werden, dann kann man an fünf Fingern ausrechnen, dass dies nicht in Erfüllung geht.

Welche politischen Themen werden Ihrer Meinung nach zu oft beziehungsweise zu selten angesprochen?

Wir haben seit Jahrzehnten eine ehrliche Diskussion über die Migrationsfrage gescheut. Es gibt Leute, die sagen, dass wir kein Einwanderungsland sind. Die Zahlen zeigen, dass dies zumindest in den letzten vierzig Jahren falsch ist, wenn man nicht noch viel weiter in die Geschichte zurückgehen will. Andere sagen, dass wir keine Schranken haben dürfen, allein aufgrund der dunklen Flecken in unserer Vergangenheit. Beiden Lagern ist gemein, dass sie sich der politischen Inkorrektheit bezichtigen. Das hat den ergebnisoffenen Austausch erschwert. Die Konsequenzen zeigen sich dann in Ereignissen wie der Silvesternacht 2018/19 in Köln. Danach gelang ein Diskurs, der offener und ehrlicher war. Von Ländern wie Kanada, Österreich und Schweden kann man noch viel lernen.

Die Massenmedien thematisieren oft die klassischen Themen, um über die Runden zu kommen. Ein zynischer Chefredakteur könnte Tiere, Sex oder Hitler nennen. Manchmal läuft es gut, manchmal nicht. Ein Fehler ist es, wenn man sich mit den sozialen Medien eine eigene Echokammer einrichtet und nur das liest, was einem in das eigene Weltbild passt. Für mich ist ein breites Spektrum an Meinungen unentbehrlich. Ich lese täglich mehrere Zeitungen, diese Zeit muss ich mir einfach nehmen.

Soziale Netzwerke übermitteln viele Informationen und Meinungen. Sie haben einen großen und wachsenden Einfluss auf die Wahrnehmung der Menschen und die Politik. Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile und Nachteile?

Sie sehen ja, ich bin ein alter Knochen. Ich kann mit diesen Sachen nicht viel anfangen. Sie werden mich auf keinem dieser Dinger finden. Manchmal bin ich auch der Meinung – sein Sie jetzt nicht beleidigt – dass das Plattformen von Idioten für Idioten sind. Das stimmt vielleicht nicht, aber Zyniker sagen schon, dass sie zur Volksverdummung beitragen. Der Bundespräsident sagte einst, dass man in 140 Zeichen nicht die Welt erklären kann. Gut, heutzutage sind es 280, aber das ist eigentlich auch egal. Oft ist das, was auf diesen Plattformen abläuft, in meinen Augen niedrigster Stammtisch, nur mit dem unangenehmen Nebeneffekt, dass es nicht am Stammtisch bleibt. Es ist dann eine beschleunigte und anonyme Gerüchteküche. Das kann so weit gehen, dass Leute in aller Öffentlichkeit fertig gemacht werden und darunter leiden. So beim Anschlag in Limburg. Den Polizisten wurde sofort vorgeworfen, versagt zu haben. Dabei brauchten sie einfach Zeit, um zu verstehen, ob es ein Terroranschlag war oder nicht. Ich glaube, in diesem Fall hat die Polizei alles richtig gemacht. Gerade junge Leute haben das Problem, dass sie mit Informationen konfrontiert werden, die für sie eine andere Wichtigkeit haben als beispielsweise für mich, der nun schon etwas aufgeklärter und abgeklärter ist.

Wenn man in einem Gespräch etwas Falsches sagt, dann kann man sich rausreden. Wird etwas getweetet, dann sieht es sofort die ganze Welt. Ich empfehle meinen Kollegen immer, bei einer schwierigen E-Mail eine Nacht zu schlafen, weil man dann weniger emotional denkt und handelt. Früher hieß es: „Ich denke, also bin ich.“ Heute ist das Gebot eher: „I spam so I am.“

Aber die sozialen Medien haben auch ihre guten Seiten. Als die Schweizer ihren Bundesrat eröffneten, starteten Frauen über die sozialen Medien eine Kampagne. Unmittelbar gab es zwar kaum Änderungen, aber ein neues Bewusstsein entstand. Das macht schon einen Unterschied. Ich gebe zu, in diesen Fragen sind soziale Medien einfach klasse.

Zu den eher dunklen Seiten gehört, dass einige Personen es gelernt haben, über die sozialen Medien gezielt Emotionen bei den Lesern zu erzeugen. Man sollte schon darauf achten, ob man nicht manipuliert wird. Aber um solche Mechanismen zu erkennen, braucht man vor allem Erfahrung. Intelligenz allein reicht nicht. Daher bin ich auch dafür, dass die Anonymisierung im Internet aufgehoben wird. Man soll für seine Meinung stehen und sich nicht durch die neuen technischen Möglichkeiten verstecken können. Allein ein solcher Schritt würde eine Unmenge an Problemen mit den neuen Medien lösen. Wie lautet der Spruch: Freiheit hört dort auf, wo man die Freiheit anderer beeinträchtigt. Ist man anonym im Internet unterwegs, hat man viel Freilauf. Manche missbrauchen dies, benehmen sich wie die letzte Sau, ohne dafür Konsequenzen zu tragen. Dies trifft auch für Nutzer zu, die bewusst andere mobben, ohne die Auswirkungen ihres Handelns zu berücksichtigen oder zur Rede gestellt zu werden.

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