Ein Inter­view über den Jour­na­lis­mus, den Job eines Jour­na­lis­ten und sei­ne wich­tigs­ten Auf­ga­ben – Kai Bier­mann im Gespräch mit der Herderzeitung.

Ein Inter­view von Eli­sa Busch und Inken Hüb­ner

Am 05. Mai 2021 besuch­te der Jour­na­list Kai Bier­mann im Rah­men des Tages der Pres­se­frei­heit die Klas­se 9es. Seit 1994 wird am 03. Mai an das Grund­recht der unab­hän­gi­gen und frei­en Medi­en erin­nert. Die­ses Jahr stand der Tag unter dem Mot­to „Infor­ma­tio­nen als öffent­li­ches Gut“. Zu Zei­ten von Coro­na ste­hen die Medi­en unter gro­ßem Druck, Fake News von Fak­ten zu unter­schei­den und die Bevöl­ke­rung aufzuklären.

Kai Bier­mann, als Inves­ti­ga­tiv- und Daten­jour­na­list für ZEIT und ZEIT ONLINE tätig, beant­wor­te­te groß­zü­gig die Fra­gen der Schüler*innen. In Prä­senz und per Video­kon­fe­renz zuge­schal­tet lausch­te die Klas­se gespannt sei­nen Antworten.

Vor 24 Jah­ren begann Kai Bier­mann sei­ne Arbeit als Jour­na­list. Er betont beson­ders, dass es kei­ne staat­li­che Aus­bil­dung für die­sen Beruf gibt. Es gibt zwei gro­ße, renom­mier­te Jour­na­lis­ten­schu­len in Deutsch­land, eine in Ham­burg und eine in Mün­chen. Bei­de sind durch Zei­tungs­ver­la­ge orga­ni­siert, bie­ten aber im Jahr ins­ge­samt nur weni­ge Plät­ze an. Um dort eine Aus­bil­dung zu bekom­men, muss man schon sehr viel kön­nen. Wenn man kei­ne Aus­bil­dung macht, lernt man den Beruf, indem man für zwei Jah­re ein Volon­ta­ri­at bei einer Zeit­schrift macht und alle Res­sorts durch­läuft. Er arbei­te­te bei ver­schie­de­nen Zei­tun­gen und eine Zeit lang auch als frei­er Journalist.

Pres­se soll denen eine Stim­me geben, die sonst kei­ne haben.

Kai Bier­mann, deut­scher Jour­na­list und Autor 

Wie sieht ein normaler Tag von Ihnen aus?

Ich ver­su­che, viel raus zu kom­men, weil es bei uns heißt, dass man am bes­ten über etwas berich­ten kann, was man sel­ber gese­hen und erlebt hat. An einem nor­ma­len Tag kom­me ich so zwi­schen neun und halb neun in die Redak­ti­on. Dann beginnt der Tag mit einer Kon­fe­renz, in wel­cher wir bespre­chen, was wir heu­te machen. Ich weiß meis­tens schon, wor­an ich arbei­te, weil ich mich län­ger­fris­tig mit The­men beschäf­ti­ge. Ich mache mir immer einen Plan, was ich zu tun habe. 

Mit Lesen und Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­brin­ge ich die meis­te Zeit des Tages. Man kann mich irgend­wie auf sie­ben­und­drei­ßig Wegen errei­chen und ich ver­brin­ge wirk­lich viel Zeit damit, E‑Mails, Signal, Whats­App, Brie­fe und so wei­ter zu lesen. Dann recher­chie­re ich natür­lich auch noch und schließ­lich schrei­be ich. 

Jour­na­lis­mus ist ein sehr frei­er Beruf, was für mich ein sehr gro­ßes Glück ist. Ich kann den Beruf wirk­lich emp­feh­len. Nicht, wenn man reich wer­den will, aber wenn man Spaß haben will.

Wo arbeiten Sie? Im Büro mit anderen oder von zu Hause aus?

Wäre jetzt nicht Pan­de­mie, dann wür­de ich in einem rela­tiv gro­ßen Raum sit­zen mit drei­ßig bis fünf­zig ande­ren. Da hät­te ich dann einen Schreib­tisch in einer Ecke. Stellt euch das vor wie in einem lan­gen Raum, so breit wie eure Schu­le und da sind dann über­all Schreib­tisch­in­seln ver­teilt. Dann gibt es ein Zen­trum, wir nen­nen das das Desk. Da sit­zen die, die die Web­site steu­ern und das Tages­ge­sche­hen pla­nen und drum­her­um sit­zen die gan­zen Fachredaktionen. 

Beim Jour­na­lis­mus geht es um Geschwin­dig­keit. Da gibt es wie­der einen Kern­satz: „Sei der Ers­te, der es berich­tet oder sei der Ers­te, der es rich­tig berich­tet.“ Das heißt, bei aktu­el­len Ent­wick­lun­gen stehst du unter gro­ßem Zeit­druck, wo ganz viel ganz schnell ent­schie­den wer­den muss. Das geht leich­ter, wenn man unkom­pli­ziert mit­ein­an­der reden kann und eben beieinandersitzt. 

Beim Online-Jour­na­lis­mus brauchst du vie­le Teams. Ich arbei­te seit vie­len Jah­ren sehr oft mit Leu­ten zusam­men, die was von Daten ver­ste­hen, die pro­gram­mie­ren kön­nen und die das gra­phisch umset­zen kön­nen, damit am Ende nicht nur ein roher Text ent­steht, son­dern ein Gesamt­bild mit Bil­dern und Videos. 

Seit letz­tem Jahr sit­ze ich aber Zuhau­se und wir müs­sen alles über zum Bei­spiel Zoom oder Signal regeln. Das ist sehr viel mühsamer.

Was ist Ihrer Meinung nach guter Journalismus?

Jour­na­lis­mus soll dabei hel­fen, dem soge­nann­ten infor­mier­ten Bür­ger zu hel­fen. Jeder Bür­ger in einer Demo­kra­tie hat das Recht, sich infor­mie­ren zu kön­nen. Frei, unbe­ein­flusst und umfas­send. Guter Jour­na­lis­mus ist in mei­nen Augen, wenn es mir gelingt, Leu­te ehr­lich, umfang­reich und fak­ten­voll zu infor­mie­ren. Jeder Fern­seh­bei­trag, jeder Text kämpft um Auf­merk­sam­keit. Natür­lich ist ein Bei­trag toll, wenn er wahn­sin­nig infor­ma­tiv ist. Wenn er dann aber geschrie­ben ist wie ein Wiki­pe­dia-Ein­trag, muss man selbst ent­schei­den, ob man sich damit infor­mie­ren möch­te. Es muss also auch span­nend geschrie­ben sein. Natür­lich muss guter Jour­na­lis­mus auch sau­ber recher­chiert sein. Man muss also die rich­ti­gen Fak­ten span­nend rüberbringen.

Jeder Bür­ger in einer Demo­kra­tie hat das Recht, sich infor­mie­ren zu kön­nen. Frei, unbe­ein­flusst und umfassend.

Kai Bier­mann arbei­te­te u.a. für ZEIT und ZEIT ONLINE

Es gibt auch schlech­ten Jour­na­lis­mus. Näm­lich schlam­pig, unter Zeit- oder Geld­druck. Unter sol­chen Umstän­den hat man nicht die Zeit, die man zum Recher­chie­ren braucht, son­dern muss stän­dig und schnell lie­fern. Dann gibt es auch die­se Medi­en, die bewusst mani­pu­lie­ren. Sie wol­len nicht nur über Poli­tik berich­ten, son­dern Poli­tik machen. Eine Mei­nung ver­stär­ken und her­vor­ru­fen. Das fin­de ich schwie­rig, aber auch das ist Teil von Jour­na­lis­mus.

Wie viel verdient man als Journalist durchschnittlich im Monat?

Das hängt sehr davon ab, in wel­chem Bereich des Jour­na­lis­mus man arbei­tet, für wen und ob man ange­stellt ist oder nicht. Freie Jour­na­lis­ten ver­die­nen oft sehr schlecht, in sel­te­nen Fäl­len auch sehr gut, aber sie ver­die­nen in Deutsch­land zwi­schen 2500€ und 3500€ brut­to im Monat. Aller­dings müs­sen sie dann z.B. die Kran­ken­ver­si­che­rung selbst bezah­len. Frei­er Jour­na­lis­mus ist hart. Wenn man beim Fern­se­hen ange­stellt ist, kann man sehr viel Geld ver­die­nen. Das sind aber weni­ge und sel­te­ne Jobs. Die klas­si­schen Jour­na­lis­ten, die ver­die­nen je nach Berufs­al­ter zwi­schen 3500€ und 5500€ brut­to. Aber es ist nichts, womit man reich wird.

Woher weiß man bei Recherchen, ob es eine richtige Information ist oder eine Falsche?

Das ist die soge­nann­te Quel­len­be­wer­tung. Ist Wiki­pe­dia zum Bei­spiel eine sau­be­re Quel­le? Das Pro­blem ist dort nicht, dass jeder rein­schrei­ben kann, son­dern, dass es erst­mal da ste­hen bleibt. Es dau­ert eine gan­ze Wei­le, bis jemand drü­ber geschaut hat. Wiki­pe­dia ist aber bes­ser gewor­den. Frü­her war es sehr viel schlim­mer. Für mich ist Wiki­pe­dia durch­aus eine Quel­le, weil am Ende des Arti­kels ande­re Quel­len ver­zeich­net sind. Ich gucke mir dort häu­fig Arti­kel an, lese den Text aus Inter­es­se, aber vor allem die Quel­len, die unten auf­ge­führt wor­den sind: Wo wird was aus dem Arti­kel gesagt? Und dann gehe ich zu der Ori­gi­nal­quel­le und schaue sie mir an. Das ist für mich wirk­lich ein Schatz. Außer­dem fin­de ich auf Wiki­pe­dia auch Gegen­be­le­ge, das heißt ich fin­de nicht nur Quel­len, die das bestä­ti­gen, was ich suche, son­dern auch widerlegen. 

Das ist schon ziem­lich cool für mei­ne Arbeit. Aber natür­lich ist es ein grund­le­gen­der Aspekt mei­ner Arbeit, Quel­len zu über­prü­fen. Ich habe gera­de so einen Fall, da such­te ich jeman­den, der mir über ein bestimm­tes Feld etwas erzäh­len konn­te und hat­te jeman­den gefun­den. Ich habe den nicht direkt ange­fragt, son­dern ver­sucht Men­schen zu fin­den, die ihn kann­ten und habe gefragt, ob er unab­hän­gig ist. Erst, als jemand, den ich für ver­trau­ens­wür­dig hielt, mir das bestä­ti­gen konn­te, habe ich ihn ange­ru­fen. Ein gro­ßer Teil mei­ner Arbeit ist es, zu jeman­dem zu gehen, mir was erzäh­len zu las­sen, das mit­zu­schrei­ben und dann hin­ter­her zu über­prü­fen. Und sehr oft ist da Mist dabei. Eine der größ­ten Gefah­ren in mei­nem Beruf ist es in mei­nen Augen, zu schnell Men­schen und Quel­len zu ver­trau­en. Beson­ders Kol­le­gen zu ver­trau­en, weil man nie weiß, ob die alles über­prüft haben. Wir haben in unse­rem Team zum Bei­spiel die Regel, dass die Bild­zei­tung kei­ne Quel­le ist. Nichts von dem, was die sagen und tun, glau­ben wir. Das wird alles überprüft.

Wie haben Sie den Journalismus für sich entdeckt?

Mei­ne Eltern waren bei­de Jour­na­lis­ten. Mei­nen ers­ten jour­na­lis­ti­schen Text habe ich im Stu­di­um geschrie­ben. Ich habe aber schon zu DDR-Zei­ten ver­sucht, Jour­na­list zu wer­den. Das ist mir aber nicht gelun­gen, weil ich ideo­lo­gisch nicht gefes­tigt genug war. 

In der DDR hat­te Jour­na­lis­mus eine ganz ande­re Funk­ti­on. Da ging es nicht dar­um, den Mäch­ti­gen die Wahr­heit zu sagen. Im Gegen­teil. Da ging es dar­um, das wie­der­zu­ge­ben, was die Regie­rung einem sagt, was man wie­der­ge­ben soll. Es gab kei­ne Pres­se­frei­heit. Und dumm wie ich war, woll­te ich damals schon Jour­na­list wer­den und zum Glück ist es mir nicht gelun­gen. Das hat auch viel mit mei­ner Mut­ter zu tun. Mei­ne Mut­ter war Repor­te­rin und hat mich als Kind manch­mal auf Repor­ta­ge-Rei­sen mit­ge­nom­men. Das hat mich schon geprägt. Aber die Ent­schei­dung, Jour­na­list zu wer­den, habe ich erst viel spä­ter getrof­fen. Da spiel­te eher eine Rol­le, dass ich ger­ne ein Leben leben woll­te, was mich nicht lang­weilt und das ich span­nend fin­de. Ich konn­te mir vor­stel­len, dass das mit Jour­na­lis­mus funk­tio­niert. Ging mal bes­ser und mal schlech­ter. Seit ein paar Jah­ren rich­tig gut.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf am meisten?

Ich lang­wei­le mich nicht. Mei­ne The­men kann ich mir selbst aus­su­chen und die Zeit auch selbst ein­tei­len. Das ist für mich ein wahn­sin­ni­ges Glück, weil ich mich für vie­le The­men inter­es­sie­re und das auch aus­le­ben kann. Recher­che ist für mich das Span­nends­te überhaupt.

Inwiefern beeinflusst Ihr Beruf Ihr Privatleben?

Eben durch mei­ne pro­fes­sio­nel­le Neu­gier, wodurch ich auch im pri­va­ten Bereich fra­ge: „Was? Erzähl mal!“ Oder über mein pro­fes­sio­nel­les Miss­trau­en gegen­über allen oder dar­über, dass ich alle anquat­sche. Jeder Beruf beein­flusst dich. Guckt euch eure Lehrer*innen an, die haben auch sehr typi­sche Verhaltensmuster.

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste am Schreiben, damit ein Thema spannend wird?

Die Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen wie­der­ge­ben, die beschrie­ben wer­den und die Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen errei­chen, die es lesen wer­den. Wir ver­su­chen immer, die Geschich­ten so zu erzäh­len, dass jeder, der es liest, das Gefühl hat, das The­ma ist für ihn wich­tig. Ich ver­su­che, den Men­schen immer zu erklä­ren, was ein The­ma für sie bedeu­tet. Meis­tens den­ke ich auch, dass es funktioniert.

Was mögen Sie gar nicht am Schreiben?

Das Schrei­ben selbst, das ist anstren­gend. Gute Tex­te zu schrei­ben, ist echt har­te Arbeit. Aller­dings ist es ein fes­ter Bestand­teil der Arbeit. Auch Kri­tik der Kolleg*innen anzu­neh­men. Es ist wich­tig, sich gegen­sei­tig Feed­back zu geben und bes­ser zu werden.

Wenn Sie in einem Bericht lügen würden, gäbe es dann Konsequenzen?

Ich hof­fe doch! Natür­lich, und zwar in ver­schie­dens­ter Wei­se. Zual­ler­erst ist da das Straf­recht. Lügen ist ver­bo­ten für Jour­na­lis­ten. Da gibt es Regeln für. Ich darf nicht irgend­was über irgend­je­man­den behaup­ten, was nicht stimmt. Zum Bei­spiel darf ich nicht sagen, Poli­ti­ker A ist schwul, obwohl er es gar nicht ist. Wenn ich das trotz­dem tue, dann darf er mich mit Fug und Recht ver­kla­gen und mich so rich­tig rund machen. Das ist die recht­li­che Lage. Du darfst jeden Pres­se­ar­ti­kel, in dem du dich falsch dar­ge­stellt siehst, vor Gericht brin­gen und Scha­dens­er­satz for­dern. Für mich, der das dann ver­zapft hat, hat das natür­lich auch Kon­se­quen­zen, denn mein Arbeit­ge­ber wür­de sagen, dass das so nicht geht und im schlimms­ten Fall wer­de ich dann ent­las­sen. Zurecht, wenn du mich fragst. 

Es pas­siert natür­lich auch, dass ich nicht lügen woll­te, aber etwas falsch berich­tet habe, weil ich es nicht bes­ser wuss­te. Wenn dann jemand kommt, der es bes­ser weiß, weil er Exper­te auf die­sem Gebiet ist, dann wird das kor­ri­giert. Ich fin­de, dass das eine gro­ße Hil­fe ist, weil oft Men­schen auf einem Gebiet wahn­sin­nig viel Ahnung haben und mei­ne Arbeit dadurch bes­ser wird. Das ist dann kei­ne Lüge, son­dern fal­sche Bericht­erstat­tung aus unter­schied­li­chen Grün­den. Lüge ist ja bewuss­te fal­sche Bericht­erstat­tung. Das Pro­blem ist, dass es sowas wirk­lich gibt: die gel­be Pres­se, bei­spiels­wei­se in der soge­nann­ten Yel­low Press. Das sind die­se bun­ten Zeit­schrif­ten, die am Kiosk lie­gen, wo dau­ernd ein Pro­mi­paar drauf ist. Kurz­ge­sagt, die Klatsch­pres­se. Und in die­sen Zei­tun­gen ste­hen lei­der sehr vie­le Lügen drin. Auch das ist Teil der deut­schen Medi­en­land­schaft und Pres­se­frei­heit. Man darf schon ganz schön viel, aber es gibt Gren­zen und die wer­den im Zwei­fel, wie in einem Rechts­staat üblich, von Gerich­ten gezo­gen. Dazu gibt es aber auch ethi­sche Gren­zen. Die sind im soge­nann­ten Pres­se­ko­dex fest­ge­legt. Ich emp­fin­de ihn als bin­dend und ich fin­de, alle Jour­na­lis­ten soll­ten sich an ihn halten.

Wie viele Artikel haben Sie schon geschrieben?

Wenn ich schät­zen soll­te, dann um die drei- bis fünft­tau­send. Das ist wirk­lich eine gro­be Schät­zung. Ich weiß, dass ich bei der ZEIT und ZEIT ONLINE – da bin ich jetzt zwölf Jah­re – um die andert­halb­tau­send Tex­te geschrie­ben habe. Nicht jeder hat davon jetzt Buch­län­ge, manch­mal sind es auch nur vier Absät­ze. Es ist also sehr relativ.

Gab es Themen, zu denen Sie eine emotionale Bindung hatten und bei denen es Ihnen schwerfiel, sachlich zu bleiben?

Rechts­ex­tre­mis­mus ist zum Bei­spiel so ein The­ma. Ich fin­de es sehr wich­tig, sach­lich zu blei­ben, denn Debat­ten kann man nur halb­wegs sach­lich füh­ren. Natür­lich habe ich zu die­sem The­ma eine emo­tio­na­le Bin­dung, kann es aber natür­lich nicht in mei­nen Tex­ten ein­fach so raus­las­sen. Es geht näm­lich dar­um, Fak­ten zu prä­sen­tie­ren. Aller­dings kann ich Kom­men­ta­re schrei­ben und das mache ich auch. Über­wa­chung ist eben­falls so ein The­ma. Ich bin in der DDR auf­ge­wach­sen und mein Vater ist ein Sta­si­op­fer – wur­de also jah­re­lang über­wacht. Das war ein ziem­li­cher Schock. Eine lan­ge Zeit habe ich auch dar­über geschrie­ben und auch sehr vie­le Kom­men­ta­re verfasst.

Was war Ihr bisher spannendster Fall?

Vor eini­gen Jah­ren haben wir uns mit Geflüch­te­ten aus­ein­an­der­ge­setzt und ver­sucht, Men­schen aus dama­li­gen Flücht­lings­la­gern zu fin­den und zu schau­en, wie sie jetzt leben. Dabei tra­fen wir auf einen Mann, der über das Mit­tel­meer geflüch­tet ist. Seit­dem hat er wahn­sin­ni­ge Angst vor Was­ser, weil er dort Men­schen hat ster­ben sehen. Er aller­dings hat sei­ne Angst über­wun­den und ist Ret­tungs­schwim­mer gewor­den. Durch den Ver­ein hat er auch Freun­de und Anschluss an die Gesell­schaft gefun­den. Das hat mich wirk­lich sehr beeindruckt.

Wurden Sie schon einmal aufgrund Ihrer journalistischen Tätigkeiten bedroht?

Ich habe lan­ge Zeit auch über Rechts­ex­tre­me berich­tet und das ist ein Feld, in dem man recht schnell Dro­hun­gen bekommt. Die Dro­hun­gen waren nicht nur Hass­kom­men­ta­re, son­dern auch E‑Mails mit „wir fin­den Sie und brin­gen Ihre Fami­lie um“. Die öffent­li­chen Debat­ten haben sich in mei­nen Augen in den letz­ten Jah­ren stark ver­än­dert. Wir haben vie­le Kol­le­gen, die auch bedroht wer­den. Um ehr­lich zu sein, ich bin ein wei­ßer Mann. Bei mir pas­sie­ren Dro­hun­gen rela­tiv sel­ten. Ich habe eine viet­na­me­si­sche Kol­le­gin, die könn­te Stun­den dar­über reden.

Wenn Sie Interviews führen, lenken Sie die Fragen dann in die Richtung, in der Sie die Antwort haben wollen?

Dann wäre ich ein ziem­lich schlech­ter Jour­na­list. Ich möch­te erfah­ren, was der Mensch, den ich inter­viewe, über das The­ma, wel­ches mich inter­es­siert, denkt. Das heißt, ich stel­le mög­lichst offe­ne Fra­gen. Wür­de ich das Inter­view in die­ser Art len­ken, wür­de ich mir die Chan­ce neh­men, Din­ge zu erfah­ren, wel­che ich viel­leicht vor­her gar nicht wuss­te, die aber wahn­sin­nig wich­tig fürs The­ma sind.  Ech­te Recher­che ist wie poli­zei­li­che Ermitt­lung immer sein soll­te, dazu da, etwas zu veri­fi­zie­ren oder falsifizieren.

Wurden Sie schonmal gezwungen, etwas zu schreiben?

Nein, da wür­de ich auch sofort kün­di­gen. Bei so einem Unter­neh­men wür­de ich erst ein­mal nicht anfan­gen und ich wäre lie­ber arbeits­los, als dass mich jemand zwingt, irgend­was zu schreiben.

Ist es Ihnen schonmal passiert, dass ihre Quelle lügt, sie darüber berichten und dann die Person Sie verklagt?

Mir ist etwas Schlim­me­res pas­siert. Eine Frau hat mei­ner Kol­le­gen und mir etwas erzählt. Aller­dings konn­ten wir das nicht zu ein­hun­dert Pro­zent über­prü­fen, wes­halb wir es ihr geglaubt haben, weil wir sie für glaub­wür­dig hiel­ten. Als wir ihr gegen­über saßen, hat­ten wir das Gefühl, dass sie die Wahr­heit sagt und haben davon berich­tet. Es war falsch. Es war kom­plett falsch und aus­ge­dacht. Das kam raus und dann haben wir das alles auf­ge­ar­bei­tet und noch­mal recher­chiert und ver­sucht, die­se Frau zu fin­den. Die hat­te sich umge­bracht. Das war ziem­lich schreck­lich. Der Fall war des­halb so schreck­lich, weil die­se Per­son wirk­lich geglaubt hat, was sie uns erzählt hat. Sie war davon über­zeugt und es ist sehr schwer, einen Lüg­ner zu erken­nen, wenn der glaubt, was er sagt. Die Frau war psy­chisch krank und die­se Lügen waren Teil ihrer Krank­heit. Das haben wir nicht erkannt, obwohl wir es hät­ten erken­nen müs­sen. Jedoch haben wir es erst im Rah­men einer zwei­ten Recher­che erkannt. Das war durch­aus ein Tief­punkt in mei­ner jour­na­lis­ti­schen Kar­rie­re. Natür­lich wur­de ich auch schon ver­klagt. Das ist lei­der Teil des Journalismus.

Was halten Sie von Schüler*innenzeitungen?

Fin­de ich super. Aus ver­schie­de­nen Grün­den. Ich bin in einem Land auf­ge­wach­sen, in dem es sowas nicht wirk­lich gab. Unab­hän­gi­ge Pres­se gab es zum Bei­spiel auch nicht. Schü­ler­zei­tun­gen wur­den auch nicht ger­ne gese­hen. Eine Schü­ler­zei­tung ist dann rich­tig gut, wenn sie hin­ter­fragt, was an der Schu­le pas­siert. Dann sind da näm­lich nicht nur lus­ti­ge Leh­rer­sprü­che drin, son­dern es wird zum Bei­spiel gefragt, wie es dem Haus­meis­ter so geht oder es gibt einen kri­ti­schen Text über die letz­te Anord­nung der Direk­to­rin. Ein Kern­satz des Jour­na­lis­mus ist, „den Mäch­ti­gen die Wahr­heit sagen“, und in eurem Leben sind die Leh­rer die Mäch­ti­gen. Mit denen zu debat­tie­ren, fin­de ich super. Eben nicht alles hin­zu­neh­men, was hier pas­siert, son­dern auch zu hin­ter­fra­gen. Das ist auch ein super Weg, um zu üben. Vie­le mei­ner Kolleg*innen waren frü­her auch in der Schü­ler­zei­tung, als ers­te Berüh­rung mit dem Jour­na­lis­mus. Ich weiß, dass das viel Arbeit ist, also Respekt an alle, die es tun.

Helfen Sie der Polizei mit Ihrer Arbeit?

Nein, nicht wis­sent­lich und wil­lent­lich. Das geht so weit, dass wir sagen, dass wir kei­ne Infor­ma­tio­nen an die Poli­zei geben. Hat auch einen Grund. Es ist nicht unse­re Auf­ga­be. Wir haben nicht die recht­li­chen Befug­nis­se und nicht die Mög­lich­kei­ten, Täter zu ermit­teln. Das kann und darf und soll nur die Poli­zei. Wir kön­nen Auf­merk­sam­keit für ein The­ma erzeu­gen und wenn Poli­zei­be­hör­den dar­in Straf­ta­ten sehen, dann kön­nen sie das ermit­teln, aber unser Job ist das nicht. 

Ein Bei­spiel: Ich habe mal eine Geschich­te recher­chiert, da ging es über eine Web­sei­te, über die ille­gal Waf­fen in Deutsch­land ver­kauft wur­den, mit ganz schlim­men dis­kri­mi­nie­ren­den Sprü­chen dazu. Wir hat­ten die Daten der Käu­fer durch jeman­den, der sie uns geschenkt hat. Wir wuss­ten, wer das Zeug kauft. Dar­über haben wir berich­tet. Auch mit einer Kar­te, die zeigt, wo Waf­fen gekauft wur­den. Dar­auf­hin kam die Poli­zei und hat gefragt, ob sie die Daten haben kann. Aller­dings ent­schie­den wir uns dage­gen, da es der Job der Poli­zei ist, es selbst raus­zu­fin­den. Außer­dem ist es wich­tig für uns, unse­re Quel­len zu schüt­zen. Es ist ein wesent­li­cher Teil unse­rer Arbeit, dass Men­schen uns Infor­ma­tio­nen anver­trau­en. Wenn sie fürch­ten müs­sen, dass wir damit dann zur Poli­zei gehen und sie dadurch viel­leicht Ärger bekom­men, wür­den vie­le nicht mehr mit uns reden. Denn poli­zei­li­che Ermitt­lun­gen sind offen und die Namen der Quel­len wer­den spä­tes­tens im Pro­zess öffent­lich. Medi­en dür­fen ihre Quel­len dage­gen ver­schwei­gen und das ist auch wich­tig für unse­re Arbeit. Die Per­son, die uns die Daten geschenkt hat, mein­te dar­auf­hin, dass er bereit wäre, mit der Poli­zei zusam­men zu arbei­ten. Das ist dann aber sein Ding, denn wir haben uns bewusst dafür ent­schie­den, es nicht zu tun.

Die Her­der­zei­tung bedankt sich für das Inter­view und die gewon­ne­nen Ein­bli­cke in den All­tag eines Journalisten.

In unse­rer 10. Aus­ga­be führ­ten wir bereits ein Inter­view mit einem Poli­zis­ten und lern­ten ein wei­te­res Berufs­feld kennen. 

Bild: Chris­ti­ne Malkowski
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