Obgleich vie­le Men­schen heu­te in gutes Leben füh­ren, gibt es immer noch viel für die Botschafter*innen als Vertreter*innen des Vol­kes zu tun. Ein Inter­view mit dem fran­zö­si­schen Bot­schaf­ter in Turk­me­ni­stan, Herrn Fran­çois Delahousse.

Es wird viel debat­tiert, ob über den Kli­ma­wan­del, Arti­kel 13 oder wel­che You-Tube­rin gera­de schwan­ger ist. Wenn wir mal in die Geschich­te zurück­bli­cken, dann haben sich unse­re Lebens­um­stän­de enorm ver­bes­sert. Von einer Welt, wo jede*r Todes­angst hat­te, zu einer Welt, in wel­cher jede*r sich so gut wie sicher fühlt und die Mög­lich­kei­ten hat, sich maxi­mal zu entfalten.

Trotz­dem ist es gerecht­fer­tigt, dass eini­ge Men­schen mit ihrer Lebens­si­tua­tio­nen und ihrem Umfeld unzu­frie­den sind. Men­schen, denen eine poli­ti­sche Ange­le­gen­heit nicht gefällt, suchen so lan­ge die Dis­kus­si­on, bis wich­ti­ge Instan­zen anfan­gen zu reagie­ren oder zu han­deln. Das Demons­trie­ren ist unser aller gutes Recht und dabei die weit ver­brei­tes­te Metho­de, um größt­mög­li­che Auf­merk­sam­keit zu erlan­gen. Das Demons­trie­ren ist ein Mit­tel des Vol­kes, sei­nen Unmut aus­zu­drü­cken. So war es und so wird es auch immer bleiben.

Geht es um gro­ße und inter­na­tio­na­le Dis­kus­sio­nen zwi­schen ver­schie­de­nen Län­dern, so gibt es auf der gan­zen Welt ver­teilt Botschafter*innen, die für die fried­vol­le Ver­bin­dung zwei­er Staa­ten sor­gen sol­len. Heu­te geht es dar­um, dass wir eben von die­sen Men­schen die Lebens­er­fah­rung im Beruf ken­nen­ler­nen und mög­li­cher­wei­se sogar ihre poli­ti­schen Hand­lun­gen anfan­gen zu ver­ste­hen. Wäh­rend eines zwei­wö­chi­gen Auf­ent­hal­tes in Turk­me­ni­stan hat­te ich die Mög­lich­keit, Botschafter*innen zu inter­view­en. Da die Ant­wor­ten sehr umfang­reich sind, möch­te ich sie für meh­re­re Arti­kel ver­wen­den. Das Inter­es­san­te bei den Botschafter*innen ist, dass sie eigent­lich in jeder Hin­sicht für die Bür­ge­rin­nen ein­tre­ten sol­len und deren Wohl­be­fin­den an ers­ter Stel­le liegt. Gleich­zei­tig haben sie als Vertreter*innen eines ande­ren Staa­tes einen bes­se­ren Ein­blick auf die Mög­lich­kei­ten und Gren­zen, was mach­bar und was nicht mach­bar ist.

Interview mit dem französischen Botschafter in Turkmenistan, Herrn François Delahousse

Bei Fri­days for Future ver­zich­ten Schüler*innen an man­chen Frei­ta­gen auf ihre Bil­dung, um für die Kli­ma­ret­tung zu demons­trie­ren. Was ist Ihre Mei­nung dazu?

Fran­çois Delahous­se: Ich habe eine aus­ge­gli­che­ne Mei­nung. Einer­seits fin­de ich es sehr gut, dass die Jugend von heu­te sich über das Wohl ihrer Erde küm­mert und dass sie sich schon mit jun­gen Jah­ren mit The­men sol­cher Art aus­ein­an­der­setzt. Vie­le Schü­ler gehen auf die Stra­ße, um auf die Zukunft auf­merk­sam zu machen, damit die Erde leben­dig bleibt und opti­ma­le Zustän­de für unser Leben bie­tet. Ich fin­de beson­ders gut, dass die Jugend so wach ist und weiß, was auf der Welt pas­siert. Aber ich bin mir nicht ganz so sicher, ob ein Tag Schul­aus­fall und Bil­dungs­ver­lust, um zu demons­trie­ren, unbe­dingt posi­tiv ist. Ich bin mir auch nicht sicher, ob das wirk­lich eine gute Art und Wei­se ist, das Pro­blem zu lösen. Klar haben die Schü­ler in sehr vie­len Hin­sich­ten recht und man muss so schnell wie es geht an man­chen Pro­ble­men arbei­ten. Man kann die Tat­sche beach­ten, dass allein für Vide­os im Inter­net Schü­ler mehr ihrer wert­vol­len Zeit geben als für Kul­tur und Bil­dung. Bil­dung hat in jeder Hin­sicht Vor­fahrt, auch bei Pro­ble­men wie Fri­days for Future. Ich wäre kom­plett ein­ver­stan­den, wenn die Demons­tra­tio­nen am Wochen­en­de statt­fin­den. So sehe ich das Glas nur halb­voll. Man hilft sich sel­ber nicht und scha­det sich nur, wenn man Bil­dung vernachlässigt.

Wor­auf soll­te man unbe­dingt ach­ten, wenn man beruf­lich und per­sön­lich erfolg­reich wer­den möchte?

Fran­çois Delahous­se: Man soll­te sich als Ers­tes fra­gen, was Spaß macht und was auch spä­ter Spaß machen wird. Die­se Fra­ge ist in die­sen jun­gen Jah­ren sehr schwer zu beant­wor­ten, weil man vie­le Ein­flüs­se hat, von Freun­de, Eltern, dem Inter­net und dem Fern­se­her. Frü­her woll­te jedes Kind Poli­zist oder Feu­er­wehr­mann wer­den. Ich nen­ne jetzt extra kei­ne Beru­fe, um nie­man­den auf irgend­ei­ne Wei­se zu frus­trie­ren. Vie­le Teen­ager wol­len heu­te reich und berühmt wer­den, egal wel­che Bemü­hun­gen es sie kos­tet. Das Leben ist aber immer eine Balan­ce aus Frei­zeit und Arbeit. Wenn man in einem von bei­den Berei­chen unglück­lich ist, wird man es in dem ande­ren Gebiet auch sein. Vie­le Leu­te ver­ste­hen dies nur im spä­ten Alter. Für mich per­sön­lich gibt es zum Bei­spiel kein grö­ße­res Glück, als ein Kind zu haben und Ver­ant­wor­tung für sei­ne Exis­tenz zu tra­gen. Glück­lich sein ist eine Sache des Ver­ste­hens, was man selbst ist und sich per­sön­lich und beruf­lich dar­an anzu­pas­sen. Und ich glau­be das ist der Start, um glück­lich zu wer­den. Anfan­gen zu ver­ste­hen, wer man ist! Ich will aber noch gesagt haben, dass es eine Sache gibt, die mich per­sön­lich auf ein grö­ße­res Level des Glück­lichseins gebracht hat, war es ein Kind zu bekom­men und selbst dafür ver­ant­wort­lich zu sein, dass die­ser Mensch exis­tiert. Noch eine Sache, die ich ergän­zen will, ist, dass man, egal in egal wel­cher Situa­ti­on man sich befin­det, immer mit zwei Sachen rech­nen soll­te: dass jeder Tag der Letz­te sein kann und das es trau­ri­ge Momen­te im Leben geben wird, weil jeder nach die­sen Regeln des Lebens leben muss.

Wel­che poli­ti­schen The­men wer­den zu wenig dis­ku­tiert und wel­che poli­ti­schen The­men benö­ti­gen mehr Aufmerksamkeit?

Fran­çois Delahous­se: Vor 15 Jah­ren hät­te ich mit Sicher­heit gesagt, dass das Wohl der Umwelt ein viel zu wenig dis­ku­tier­tes The­ma ist, jedoch glau­be ich, dass man ein­fach nicht sagen kann, dass die­ses The­ma zu wenig Auf­merk­sam­keit bekom­men hat. Heu­te den­ke ich, dass The­men wie Gleich­stel­lung der Geschlech­ter und Frau­en­rech­te defi­ni­tiv mehr dis­ku­tiert wer­den soll­ten. Ich mei­ne, allei­ne Frau­en sind mehr als die Hälf­te der Men­schen auf die­ser Welt und ihre Rech­te sind in zu vie­len Län­dern zu ein­ge­schränkt. Und es gab gro­ße posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen in den letz­ten fünf­zehn Jah­ren in den all­ge­mei­nen, wich­ti­gen sozia­len Themen.

Was macht ein Botschafter?

Fran­çois Delahous­se: Ein Bot­schaf­ter prä­sen­tiert sein Land im Gast­land. Es gibt fünf Berei­che, für die ein Bot­schaf­ter Ver­ant­wor­tung trägt: Poli­tik, Öko­no­mie, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Schutz und Not­fall. Ers­tens, Poli­tik: Ein Bot­schaf­ter ist die leben­di­ge Flag­ge sei­nes Lan­des im Gast­land. Man muss sehr koope­ra­tiv sein und die Inter­es­sen, die Kul­tur, die Men­ta­li­tät und die Prä­fe­ren­zen des Gast­lan­des ver­ste­hen. Auch muss man sein Land über alle Infor­ma­tio­nen und alle Ver­än­de­run­gen im Gast­land infor­mie­ren. Zwei­tens, Öko­no­mie: Jedes Land hat wirt­schaft­li­che Inter­es­sen. Der Bot­schaf­ter wirbt für sein Land, sei­ne Pro­duk­te, sei­ne Dienst­leis­tun­gen und die Fähig­kei­ten sei­ner Wirt­schaft. Gro­ße und klei­ne Fir­men sol­len von der Zusam­men­ar­beit pro­fi­tie­ren. Die Zusam­men­ar­beit und der Export müs­sen orga­ni­siert wer­den. Drit­tens, Kom­mu­ni­ka­ti­on: Das Gast­land ist an den Gescheh­nis­sen im eige­nen Land inter­es­siert. Die Bür­ger des Gast­lan­des sol­len ein mög­lichst genau­es Bild vom eige­nen Land haben, sei­ner Kunst, Reli­gi­on, Natur, sei­nen Ess- und Lebens­ge­wohn­hei­ten. Im bes­ten Fall ent­wi­ckelt sich Sym­pa­thie für mein Land. Bei­spiels­wei­se habe ich ein Event orga­ni­siert, auf dem fran­zö­si­scher Wein und Käse ver­kos­tet wur­de. Vier­tens, Schutz: Der Bot­schaf­ter ist ver­ant­wort­lich für alle Pro­ble­me, die für Bür­ger des eige­nen Lan­des im Gast­land ent­ste­hen. Das reicht von ver­lo­re­nen Aus­wei­sen, bis zur Unter­stüt­zung bei Kon­flik­ten mit dem Gesetz und den Behör­den. Hier ist die Ver­ant­wor­tung groß, um bei­spiels­wei­se einer Gefäng­nis­stra­fe zu ent­ge­hen. Fünf­tens, Not­fall: Für Kata­stro­phen wie Erd­be­ben oder Bür­ger­krie­gen hat die Bot­schaft Plä­ne, um die eige­nen Bür­ger in Sicher­heit zu brin­gen und sie nach Hau­se eva­ku­ie­ren zu kön­nen. Wir haben erd­be­ben­si­che­re Gebäu­de mit aus­rei­chen­der Was­ser- und Nah­rungs­ver­sor­gung für meh­re­re Tage. Soll­te der Auf­ent­halt län­ger dau­ern, so gibt es sogar ein Schwimm­be­cken und Unterhaltungsmöglichkeiten.

Sozia­le Platt­for­men über­mit­teln vie­le Infor­ma­tio­nen und Mei­nun­gen. Des­we­gen haben sie heu­te einen gro­ßen Ein­fluss auf die Poli­tik. Was sind aus Ihrer Sicht die Vor- und Nachteile?

Fran­çois Delahous­se: Um auf den Punkt zu kom­men: Ich möch­te sozia­le Platt­for­men nicht beson­ders kri­ti­sie­ren, weil ich ger­ne mit ihnen arbei­te und viel Spaß damit habe. Sozia­le Platt­for­men revo­lu­tio­nie­ren die Kom­mu­ni­ka­ti­on. In mei­nen Augen ist die Mög­lich­kei­ten des Tei­lens eine tol­le Errun­gen­schaft. Mit ihnen fällt es mir sehr viel leich­ter, mit der Fami­lie und Freun­den in Kon­takt zu blei­ben. Aber es gibt auch Schat­ten­sei­ten. Jeder Lüg­ner kann ein Feu­er ent­fa­chen und dabei noch anonym blei­ben. Das sind die Eigen­schaf­ten, die eben die­se Platt­for­men mit sich brin­gen und auch eben die­se Fake News kön­nen poli­tisch gese­hen gro­ßen Scha­den anrich­ten. Unwahr­hei­ten kön­nen sich blitz­ar­tig ver­brei­ten und sol­che Fake News rich­ten sehr gro­ßen poli­ti­schen Scha­den an. Dabei gibt es hart arbei­ten­de Jour­na­lis­ten, die auf­wän­dig recher­chie­ren, jede ihrer Aus­sa­gen unter­le­gen und mit ihrer Ana­ly­se mit­un­ter auch ihr Leben ris­kie­ren. Die­ser Aspekt wird oft unter­schätzt. Ein zwei­ter nega­ti­ver Aspekt ist die schnel­le und gren­zen­lo­se Ver­brei­tung von Hass und das, ohne jeman­den in die Augen gucken zu müs­sen. Es gibt immer die­se zwei Sei­ten. Es gibt schö­ne Fotos von Kul­tur und es gibt ver­stö­ren­de Bil­der. Es gibt Fak­ten, wel­che auf Tat­sa­chen beru­hen und es gibt Fake News. Es gibt Kom­men­ta­re; wel­che die Mei­nung der Men­schen ins posi­ti­ve ver­än­dert und es gibt Hass­kom­men­ta­re. Also wir sehen: Es gibt immer die­se zwei Sei­ten und ohne die eine nicht die ande­re. Es ist wie das Leben, man kann jeder­zeit auf eine Sache tre­ten, die dein Leben ver­än­dert und kann jeder­zeit auf etwas Nega­ti­ves sto­ßen. Und genau­so ist das vom Men­schen selbst abhän­gig, wel­che Sei­ten er oder sie besucht und ob sie unbe­dingt das Leben der Per­son berei­chert oder ob die Per­son unter die­sen Sei­ten lei­den. Trotz­dem soll­ten wir dar­auf ach­ten, nicht auf die fal­sche Bahn zu gelan­gen. Debat­tie­ren und der Aus­tausch von Mei­nun­gen ist ein Kern­punkt einer Demo­kra­tie. Jeder soll­te das Recht in einer fried­li­chen Art und Wei­se haben, sei­ne Mei­nung zu sagen und die Mei­nung ande­ren anzu­hö­ren. Und ich glau­be der bes­te Schutz hier­bei, ist ein­fach intel­li­gent zu sein. So sim­pel es auch klin­gen mag, es geht um das Ent­schei­den zwi­schen wirk­lich guten Argu­men­ten und schlech­ten Argu­men­ten, rea­len Infor­ma­ti­on und Fake News. Zwi­schen Mei­nun­gen, die du nicht unter­stützt und nicht ver­stehst, aber trotz­dem respek­tierst und Mei­nun­gen, wel­che nur auf Drang und Hass auf­ge­baut sind und die man nicht respek­tie­ren sollte.

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